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Wie Aufbruch den Blick verändert

Ein Semester an einem neuen Studienort bedeutet mehr als einen Wechsel von Campus und Stadt. Es öffnet neue Lernräume, macht andere Lehr- und Lernformen erfahrbar und ermöglicht Begegnungen mit Menschen, Sprachen und Bildungssystemen, die den eigenen Blick erweitern können. 

Simon Czuprynski, Nikolas Wolske, Sylvia Korkor Sampson, Róisín Ní Uallacháin und Darragh Kidd verbringen derzeit ein Semester an der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich (PH NÖ) und studieren im Rahmen der Primarstufenausbildung. Sie erzählen von ersten Eindrücken, von Unterschieden und Gemeinsamkeiten, von persönlicher Entwicklung – und davon, was sichtbar wird, wenn man für eine Zeit den vertrauten Standort verlässt.

Was ein neuer Ort sichtbar macht

Manchmal beginnt ein Perspektivwechsel mit etwas ganz Konkretem: mit einem Gebäude, räumlicher Nähe oder mit der Frage, wie nahe Hochschule und Schule eigentlich beieinanderliegen können. Vertraute Strukturen werden plötzlich vergleichbar – und damit neu sichtbar. Gerade darin liegt eine besondere Qualität eines Auslandssemesters: Simon Czuprynski von der Universität Siegen in Deutschland fällt genau das auf. Seine Heimatuniversität beschreibt er als groß, komplex und auf mehrere Standorte verteilt. An der PH NÖ beeindruckt ihn besonders die unmittelbare Verbindung zwischen Hochschule und Primarschule. Für ihn eröffnet diese Nähe Möglichkeiten der Zusammenarbeit, die er von seiner Universität in dieser Form nicht kennt. „Ich finde das Konzept einfach total schön, dass man über verschiedene Ebenen gemeinsam kooperiert und miteinander arbeitet“, betont er. Vorlesungen und Seminare kennt er aus seinem Studium; das Prinzip der Lernwerkstatt kennt er nicht. 
Bei Nikolas Wolske von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster in Deutschland rücken andere Aspekte in den Vordergrund: Ihm fallen der moderne Campus, die unmittelbare Nähe zur Grundschule und die stärkere Ausrichtung auf Themen der Primarstufe auf. Seine eigene Universität umfasst zahlreiche Studienrichtungen und ist weniger stark auf den Grundschulbereich konzentriert. Hinter seiner Entscheidung für Erasmus steht jedoch noch ein anderer Wunsch: für eine Zeit aus dem gewohnten Umfeld herauszutreten. Er möchte vor allem neue Erfahrungen sammeln, Neues kennenlernen und neue Menschen treffen. Nikolas ist nicht mit einem bis ins Detail formulierten Ziel in sein Erasmus-Semester gestartet. Er möchte offen bleiben für das, was sich im Laufe des Semesters ergibt: „Einfach schauen, was ich unterwegs so tue“, sagt er. Vielleicht liegt gerade darin eine der besonderen Möglichkeiten internationaler Erfahrung: Nicht alles, was später Bedeutung gewinnt, muss am Anfang bereits feststehen.

Neue Lernräume, neue Perspektiven

Eine andere Hochschule verändert nicht nur den Ort des Studierens. Sylvia Korkor Sampson von der Autonomen Hochschule Ostbelgien in Belgien bemerkt vor allem Unterschiede in der Organisation der Lehrveranstaltungen. An ihrer Heimathochschule besucht sie mehr einzelne Kurse; hier erlebt sie weniger Lehrveranstaltungen, die dafür über einen längeren Zeitraum stattfinden. Gerade darin erkennt sie einen Vorteil: „Ich finde das gut, weil man sich dann intensiver mit den Themen beschäftigt.“ Als angenehm empfindet Sylvia die persönliche Atmosphäre an der Hochschule und die vielen verschiedenen Räume für Studierende, die zum gemeinsamen Verweilen einladen. Die PH NÖ erscheint in ihrer Beschreibung damit nicht ausschließlich als Ort von Lehrveranstaltungen, sondern ebenso als Raum für gemeinsames Arbeiten, Austausch und Begegnung. Ihre Entscheidung für Erasmus entstand aus dem Wunsch, die vertraute Umgebung ihrer Heimatstadt einmal zu verlassen, etwas Neues zu erleben und diese Erfahrung zugleich mit ihrem Studium zu verbinden. Für ihre Zeit hier hofft sie nicht nur auf schöne Erlebnisse, sondern auch darauf, „mehr aus sich herauszukommen“.
Bei Róisín Ní Uallacháin vom Marino Institute of Education in Irland kommt eine weitere Dimension hinzu: Sprache. Rückblickend hätte sie gerne bereits vor ihrer Ankunft mehr Deutsch gelernt. Zwar könne man sich vielerorts auf Englisch verständigen, dennoch empfinde sie es als wertvoll, auch die Sprache jenes Landes sprechen zu können, in dem man für einige Zeit lebt, so Róisín Ní Uallacháin.
Ihre Erasmus-Motivation reicht jedoch weit darüber hinaus. Sie möchte erstmals erfahren, wie es ist, im Ausland zu leben, neue Menschen kennenzulernen, Kontakte zu knüpfen und ihre vertraute Umgebung bewusst hinter sich zu lassen. Ihre Entscheidung für den Lehrberuf nahm eine unerwartete Wendung. Lehrerin zu werden, war ursprünglich keineswegs ihr Plan. Erst eine praktische Erfahrung in einer Schule veränderte ihre Haltung grundlegend. Heute arbeitet sie bereits mit Kindern mit Autismus und denkt über eine weitere Spezialisierung in diesem Bereich nach. Sie hat außerdem begonnen, ein Kinderbuch zu schreiben. Im Mittelpunkt ihres Werks steht ein Oktopus mit sieben Beinen. Die Geschichte verbindet das Thema Behinderung mit der Idee individueller Stärken – und damit bereits mehrere Interessen, die Róisín in ihre zukünftige pädagogische Arbeit mitnehmen möchte: „Ich kann es kaum erwarten, Lehrerin zu sein“, betont sie.

Was man von anderswo mitnimmt

Für Darragh Kidd vom Marino Institute of Education in Irland gehört das Verlassen der Komfortzone ganz bewusst zu seiner Entscheidung für Erasmus. Einer seiner ersten besonders eindrücklichen Momente war die Ankunft im Zentrum Wiens und der erste Blick auf die Architektur der Stadt. Er möchte von seinem Aufenthalt mehr mitnehmen als Erinnerungen an Wien. In Dublin lebt Darragh bei seinen Eltern. Für sein Erasmus-Semester wohnt er erstmals außerhalb des Elternhauses. Das Neue liegt für ihn damit nicht nur in einer anderen Stadt oder Hochschule, sondern ebenso in einem veränderten Alltag. Es ist ihm ein wesentliches Anliegen, sein Deutsch zu verbessern. Als angehender Pädagoge interessiert ihn vor allem das österreichische Bildungssystem und der Vergleich mit Irland: Wo bestehen Gemeinsamkeiten? Wo zeigen sich Unterschiede? Und was lässt sich durch den Blick auf ein anderes System möglicherweise auch über das eigene Bildungssystem erkennen? Sein Rat an andere Studierende: „Mach es einfach, denn das Schwierigste ist, anzufangen.“ Ihm geht es vor allem darum, auf Menschen zuzugehen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen, unterstreicht er.

Über den Ortswechsel hinaus

Ein Auslandssemester besteht nicht allein aus Lehrveranstaltungen, Campus und Studienleistungen. Es lebt ebenso von Menschen, die man vorher nicht kannte, von Fragen, die man sich zu Hause vielleicht nicht gestellt hätte, und von Unterschieden, die erst aus einer anderen Perspektive sichtbar werden. Fünf Studierende aus Deutschland, Belgien und Irland. Fünf unterschiedliche Ausgangspunkte und ein gemeinsames Semester in der Primarstufenausbildung an der PH NÖ:
Was sie verbindet, ist nicht dieselbe Erwartung an Erasmus. Es ist die Bereitschaft, sich auf etwas einzulassen, das sich vorher nicht vollständig planen lässt. Sie begegnen anderen Lernformen und Bildungssystemen, anderen Sprachen. Manchmal verändert sich mit der Entfernung auch der Blick auf das, was man bereits kennt. 
Ein Auslandssemester beginnt mit einem Aufbruch: Was daraus entsteht, reicht oft weit darüber hinaus. Wer das Vertraute verlässt, entdeckt nicht nur neue Orte: Man kehrt mit neuen Erfahrungen zurück − und einem Blick, der mehr sieht als zuvor. Aus einem anderen Ort wird so eine andere Perspektive – auf Studium, auf Bildung und vielleicht auch darauf, wie man die eigene Geschichte weiterschreibt.

23. September 2026 | Ausbildung | International | PH NÖ