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Das Anthropozän lernen und lehren

Am 23./24. April 2020 hätte an der PH NÖ, Campus Baden, das interdisziplinäre Symposium „Das Anthropozän lernen und lehren“ stattfinden sollen. Das Anthropozän-Konzept in seiner Mehrfachfunktion als geologischer Fachbegriff und als Reflexionsbegriff für die Geistes- und Sozialwissenschaften sollte aus der Perspektive verschiedener Bezugswissenschaften beleuchtet werden. Im Fokus unseres Forschungsinteresse steht dabei die Frage, wie das Anthropozän als Denkrahmen für transformative Bildungsprozesse (vgl. Singer-Brodowski 2016) genutzt werden kann.

Dieser Frage haben sich auch mehrere Lehrveranstaltungen im Fach Kunsterziehung bzw. im Schwerpunkt Kulturpädagogik unter der Leitung der PH-NÖ Lehrenden Heidelinde Balzarek und Carmen Sippl gewidmet. In einem Prozess forschenden Lernens wurden dabei innovative Lernszenarien für den Gesamtunterricht der Primarstufe konzipiert, in deren Zentrum eine Auseinandersetzung mit der Mensch-Natur-Beziehung steht. Die Studierenden haben ihre Konzepte in einer Präkonferenz, die am 22. April 2020 online unter der Leitung der PH-NÖ Lehrenden Tanja Prieler stattfand, präsentiert und zur Diskussion gestellt.
Rektor Erwin Rauscher rief in seiner Eröffnungsrede dazu auf, nicht „Klimaschutz statt Klassenzimmer“ zu leben, sondern „Klimaschutz ins Klassenzimmer“ zu holen und „Klimaschutz im Klassenzimmer“ zu verwirklichen. „Nicht sich am Freitag empören, sondern sich jeden Tag engagieren – gemeinsam vom Lernen zum Tun.“ Er plädiert für Fakten statt Fakes, für Kulturoptimismus, nicht Kulturpessimismus, für Anthropozän, nicht Klimakatastrophe: „Leben wir das Anthropozän in der Schule und für die Schule“ – damit aus der Unswelt (Leinfelder 2012) die Wirwelt wird.

Alltag, Wissenschaft, Kunst und ästhetische Praxis

Mit der Methode des ästhetischen Forschens nach Helga Kämpf-Jansen (2012) wurde, ausgehend von den Interessen der Lernenden, das Themenfeld Anthropozän zunächst individuell recherchiert und aus vier Perspektiven erforscht: Alltag, Wissenschaft, Kunst und ästhetische Praxis. „Auf diese Weise wird eine fachdidaktische Brücke zwischen Bildender Kunst und Naturwissenschaft errichtet. Durch das ästhetische Forschen wird ein Transformationsprozess in ein kunstpraktisches Projekt initiiert. Die Lernenden sollen mit künstlerischen Strategien ästhetische Erfahrungen machen, wobei alle künstlerischen Fachdisziplinen einfließen können. Dadurch werden Selbstbildungsprozesse gefördert und weiterentwickelt. Auf diese Weise entsteht transformatives Lernen. Die Welt wird mit einem sensibilisierten Bewusstsein wahrgenommen. Eine neue Haltung zum Leben an sich im Zeitalter des Anthropozäns entsteht“, so PH-NÖ Lehrende Heidelinde Balzarek. Alexandra Fink, Iris Migschits, Christina Palfy, Angela Styblo und Tamara Weidinger präsentierten ihr Projekt Farben und ihre Wirkung in Bezug auf die Natur, Alexandra Egger, Angelika Leb, Sabine Rauber, Katharina Sulzer und Günter Killian stellten ihr Kunstprojekt zum Thema Plastikabfall vor.

Die Mensch-Natur-Beziehung

Um die komplexen Kreisläufe der Natur verstehen und wertschätzen zu lernen, um über den Menschen als Teil und als Gegenüber der Natur nachzudenken, um die Gestaltung der Mensch-Natur-Beziehung in Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft zu reflektieren, so die Überlegungen aus der Perspektive der Kulturpädagogik, sind Erfahrungen in und mit der Natur eine wesentliche Voraussetzung.  Der ideale Primärerfahrungsort kann die Landschaft vor unserer Haustür sein; die Entdeckung und Entschlüsselung dieser Kulturlandschaft als interaktive Learnscape kann Impulse für aktive, transformative Lernprozesse geben. Mit dem Online-Tool ThingLink haben Tamara Wolf (über Graz & die Mur) und Bettina Mikas (über Puchberg am Schneeberg) Lernszenarien entwickelt, die – ebenso wie die Kunstprojekte vorher – zahlreiche aktive Lernaktivitäten beinhalten und abwechslungsreiches, fächerverbindendes Arbeiten in unterschiedlichen Sozialformen, im Klassenzimmer und an außerschulischen Lernorten ermöglichen.
Abschließend präsentierte Babette Lughammer, Lehrerin an der Praxisvolksschule Baden und Masterstudierende bei Kerstin Steindl-Kuscher, das Unterrichtsprojekt Die Donau – und ihr (Klima)wandel. Dabei gewährte sie einen vertieften Einblick in die Planungsprozesse und die Umsetzung in der schulischen Praxis, aktuell in E-Learning-Einheiten mit ihrer Klasse. Auch bei diesem Projekt steht die selbstreflexive Auseinandersetzung jeder Schülerin und jedes Schülers im Fokus, um einen Perspektivenwechsel vom Wissen zum Tun zu ermöglichen.

Manche der Lernszenarien wurden bereits in Lesson Studies erprobt, andere – coronakrisenbedingt – werden in Praxisstunden im Distance Learning als Unterrichtsprojekt umgesetzt. Die präsentierten Lernszenarien werden in einer Publikation im Rahmen des Projekts „Das Anthropozän lernen und lehren“ veröffentlicht werden, um Anregungen zu bieten, wie das Anthropozän in die Schule kommen kann.

 

Weiterführende Links:

https://anthropozaen.hypotheses.org

https://www.ph-noe.ac.at/de/forschung/forschung/anthropozaen.html

24. April 2020 | PH NÖ